Zentriegenhaus

Baugeschichte:

Erbaut 1536-1537 wohl von Ulrich oder Melchior Ruffiner – beide Baumeister waren zur Bauzeit in Raron wohnhaft – für Landeshauptmann Johann Zentriegen (wappengeschmückte Tafel über der Eingangstür mit der Jahreszahl 1536; Inschriftbalken mit der Jahreszahl 1537 in der Wohnstube). Die Geschosse waren ursprünglich in einen NW- und einen SO-Raum geteilt. Der NW-Raum des 2. OG war als einziger Raum zusätzlich aufgeteilt. Die übrigen Binnenwände sind jüngere Unterteilungen. Das EG war ursprünglich ein Kellergeschoss. Im NW-Raum wurden später Gefängniszellen eingebaut. Das 1. OG war ursprünglich ein Lagergeschoss, 1830 wurde die Stube im NW-Raum als neue Burgerstube eingerichtet (Austäferung, neuer Ofen, Vergrösserung Fenster); im SO-Raum wurden zu verschiedenen Zeiten drei Gefängniszellen eingerichtet. Der SO-Raum im 3. OG wurde womöglich noch im 16. Jh. unterteilt. Grössere Änderungen in der Nutzung erfolgten im Laufe des 19. Jh. (Einrichtung Rarner Burgerstube und Gefängniszellen). Nachdem das Gebäude mehrere Jahrzehnte leer gestanden und 1997 vollständig in den Besitz der Gemeinde Raron übergegangen war, wurde es 2001 vom Kt. unter Schutz gestellt u. 2004-2005 gesamtrestauriert. Heute sind darin Gemeinderäume u. Wohnungen untergebracht.

Beschreibung / Begründung:

Das in den Hang gebaute Zentriegenhaus steht an exponierter Lage mitten im Oberdorf. Das weiss verputzte Steingebäude erhebt sich über einem mehr oder weniger rechteckigen Grundriss und setzt sich aus einem EG, 3 OG und einem DG unter einem steinplattengedeckten Satteldach, das zur Oberdorfgasse und zum tiefer gelegenen Dorfplatz hin mit einem Treppengiebel giebelständig ist. Das Gebäude ist rückseitig bis zum 3. OG in den Hang eingetieft. Die Hauptfassade (SW) zeichnet sich durch regelmässig angeordnete Rechteckfenster mit grau gefassten Rahmungen aus (meist aus Tuff), die im 2. und 3. OG bis auf das mittige Treppenhaus zu Doppelfenstern mit profilierten Tuffrahmungen zusammengefügt sind, im EG für einen Keller typisch kleine Masse aufweisen und im 1. OG bis auf das Treppenhausfenster im 19. Jh. vergrössert wurden. Auf den anderen Fassadenseiten sind wenige Rechteckfenster eingelassen. Im EG, führt auf der Hauptseite ein Rundbogenportal mit profilierter Tuffrahmung unter Wappenstein mit der Jahreszahl 1536 ins Treppenhaus. Rückseitig führen eine Flachbogentür und eine Rechtecktür ins 3. OG. Im SO wurde nachträglich ein kleiner Abortturm angebaut. Eine hinter dem SW-Portal gelegene Wendeltreppe verbindet die Geschosse untereinander. Diese sind durch eine massive Binnenmauer jeweils in eine NW- und eine SO-Hälfte geteilt. Das EG birgt in der NW-Hälfte zwei gewölbte eh. Gefängniszellen und in der SO-Hälfte Kellerräume. Der NWRaum (eh. Ratsstube) im 1. OG ist mit einem Wand- und Deckentäfer sowie einem Specksteinofen von 1830 ausgestattet. Der SO-Raum birgt 3 Gefängniszellen, darunter eine mit Holzblockwänden. Im 2. OG sind auf der NW-Seite eine Stube und eine Kammer mit Schildtäfer (mit Eingedrückten Streifen-Dekor) und reich profilierten Deckenbalken aus der Bauzeit erhalten, darunter in der Stube ein Deckenbalken mit der Inschrift «HOC OPUS FIERI FECIT Johannes Zentriegen de Birchen Ballivus terrae Vallesii anno MCCCCC XXXVII» mit ZentriegenWappen (Dies Werk hat errichten lassen Johannes Zentriegen von Bürchen, Landeshauptmann des Walliserlandes im Jahr 1537). Die Boden- und Deckenbretter sind womöglich ebenfalls bauzeitlich. Auf der SO-Seite sind profilierte Deckenbalken und die Überreste einer «Trächa» erhalten. Die SO-Hälfte im 3. OG birgt im Süden eine Kammer mit reich profilierten Deckenbalken und Täfer, die auf das 16. Jh. hinweisen. Die rückseitige «Trächa» sowie ein Zugang mit Kielbogenmotiv, beides bauzeitliche Elemente, sind erhalten. Stube und «Trächa» in der NW-Hälfte sind jünger. Profilierte Deckenbalken und im Stubenbereich ein Specksteinofen von 1894 sind erhalten. Das Zentriegenhaus ist ein repräsentativer Steinbau, der zu den grössten Wohnhäusern des historischen Dorfkerns von Raron gehört und mit seinen weiss verputzten Fassaden, dem Treppengiebel und den zahlreichen Doppelfenstern besonders hervorsticht. Das an gut sichtbarer Lage im Oberdorf gelegene Gebäude prägt das nationale Ortsbild wesentlich mit. Der Bau ist ein wichtiger Zeuge eines Wohnbaus aus dem frühen 16. Jh., der in der für die Prismeller Baumeister typischen Steinbauweise errichtet wurde. Er kann dem in Raron niedergelassenen Ulrich Ruffiner von Prismell, dem grössten Walliser Baumeister seiner Zeit, oder Melchior Ruffiner zugeschrieben werden. Die historische Substanz reicht vom Spätmittelalter bis ins 19. Jh. und ist zu erhalten.

Dokumente / Quellen / Bibliografie: Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (Hg.), Das Bürgerhaus in der Schweiz, Bd. XXVI, Kanton Wallis, Zürich und Leipzig, 1935, S. XXVII, Tafel 77. Raphael von ROTEN, «Von alten Häusern in der Gemeinde Raron», in Vallesia, 1956, S. 90-92. Werner BLÖTZER (Büro für Architektur + ORL), Ortsplanung Raron – Schlussbericht, 1977, Anhang 1, Inv.-Nr. 6. Felicitas CLEUSIX-FUX, Raron – St. German, Brig, 1997, Nr. 8. Klaus AERNI, Gaëtan CASSINA, Philipp KALBERMATTER, Anton NANZER, Elena RONCO, Gregor ZENHÄUSERN, Ulrich Ruffiner von Prismell und Raron, Sitten, 2009 (2. Auflage), S. 87-88. Daniel KISSLING, Michel DELALOYE, Jan KANSY, Architektonisches Kulturerbe von Raron und St. German. Auf den Spuren der Bausteine und ihrer Herkunft, Visperterminen, 2023, Nr. 5.

Text: DIB Dienststelle für Immobilien und Bauliches Erbe, Kanton Wallis

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