Der Turm im Rotigo-Blatt
Im Blatt an der Straße von Raron nach St. German steht ein Gebäude, das sicherlich bis ins Mittelalter zurückreicht. Das Hinterhaus ist, wie ersichtlich, durch einen Bergrutsch mitsamt den Kellern und dem ersten Geschoß eingedrückt und verschüttet worden, und zwar vor längstvergangener Zeit. Beim Bau der Lötschbergbahn wurde auch noch durch einen Felssturz das zinnengekrönte Dach nebst dem obersten Geschoß zerstört. Dieses Ge bäude, das vor dem Bergrutsch offenbar ein Feudalturm war, gehörte, wie ein altes Dokument dartut, einst zum Teil den Junkern von Mont (Mund), zum andern Teil denen von Perrini-Raronia. Im Jahr 1420 hat ein Roten laut Kaufschrift einen Teil des Turms samt den umliegenden Gütern von diesen Junkern erworben, die andere Hälfte aber anno 1434. Seither hat der Volksmund dieses Gebäude »Rotigo Blatt« genannt und nennt es jetzt noch so. Es herrscht in der Familie Roten und beim Volk der Umgegend die Tradition, es sei dies die erste Niederlassung des Geschlechtes Roten im Gebiete der Gemeinde Raron. Ein anderer Zweig dieses Geschlechtes ließ sich in Raron-Dorf nieder, nachdem ihm die Kastlaneirechte von Niedergesteln-Lötschen vom Landrat strittig gemacht worden waren.
Die Roten im »Blatt« standen zu jeder Zeit in der Umgegend, sowie auch im übrigen Lande Wallis, im Ansehen, was die vielen Dokumente beweisen, die dort in ihrem Heim geschrieben wurden. Viele von ihnen wurden von ihren Mitbürgern in Gemeinde- und Zendenämter gewählt. Der Erste, der den Turm bewohnt hat, war mutmaßlich ein Anton Roten; nachher wechselten die Namen Johann und Nikolaus in steter Reihenfolge ab.
Wann der Wohnort »Blatt« von diesem Zweig der Roten verlassen worden ist, ob derselbe dort erloschen ist oder sich nach Raron-Dorf zurückgezogen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Sicher steht, daß der Gouverneur von Monthey, Nikolaus v. Roten-Brem, noch im alleinigen Besitz der sämtlichen Burgmatten sowie des sogenannten Weizackers gewesen ist. Bei der Teilung der Erbschaft fiel die obere Burgmatte samt dem Weizacker an die Linie des Generals Anton, während die unteren an die des Zendenpräsidenten Nikolaus gelangte. Die nahe, uralte St. Anna-Kapelle, die wohl schon die Junker de Mont und die Perrini benützt haben, und späterhin von den Roten zum Gottesdienst gebraucht wurde, erhielt im Jahre 1656 im treuen Andenken daran ein niedliches Altärchen. Stifter desselben waren der Landeshauptmann Johann Roten, mit seinem Sohn Johann, Ritter des goldenen Sporns, und dessen Gemahlin Anna Maria geborene Supersaxo.








