Das Rotenhaus im Hof

Obgleich dieses Haus an seiner Vorderwand durch seine vorigen Be­wohner sehr merklichen Veränderungen unterworfen wurde, so daß man an einen Neubau glauben möchte, ist doch im Innern desselben man­ches im ursprünglichen Zustand belassen worden. Die Grundmauern sind üb­rigens bis zum ersten Stockwerk hinan die gleichen wie vorher; modernisiert wurden nur sämtliche Wohnzimmer und die Korridore (getüncht). Im Hin­terhause, das sich an den Berg anlehnt, sind die alten Malereien und Sprüche sowie die Porträte al Fresko glücklicherweise verschont geblieben; so auch im Korridor des untersten Stockwerkes. Also bleiben nur diese Fresken zu besprechen. Der Saal im Hinterhause enthält deren mehrere. Gleich neben der Pforte steht ein geharnischter Ritter, als wollte er unbefugten Eindringlingen den Eintritt verwehren. Sodann ist eine Wand mit lateinischen Versen (und zwar schlecht geratenen Hexametern) überschrieben, deren einer launigen In­halts ist: »Dum veter es amarunt, cur non se juvenes ita?« Deutsch: »da die Ahnen liebten, warum ist es den Jungen verwehrt«? — Der andere Spruch­vers ist eine Empfehlung und zugleich ein Kompliment an die damals (1601 ) herrschende Klasse; die Inschrift beginnt: »Cum duo conjuncti veniunt Vic­toria certa est…«, und schließt: »Haec ista patriae pro virili munere donat Nicolaus ille cliens a posteris nomine Roten«. Aus den letzten Worten des Spruches erhellt deutlich, daß das Ge­schlecht Roten erst nachträglich so geheißen wurde. Es hieß auch wirklich bis zu Anfangs des 16. Jahrhunderts de Emda. An der Westwand befindet sich ferner ein Fresko, das die Verwandtschaft der Roten durch ein Kreuz­band mit folgenden Geschlechtern darstellt: Kalbermatten, Am-Hengart (?) Riedmatten und Maxen (möglicherweise stammt aber dieses Fresko aus spä­terer Zeit). Die Ostwand trägt die Porträte al Fresko des Hochzeitspaares, zu dessen Ehre dieser Saal ausgemalt worden ist. Es stellt einen Nikolaus von Roten mit seinem Ehegespons Barbara von Riedmatten dar. Der Bräu­tigam war der Sohn des bischöflichen Fiskals und Landschreibers, der eben­falls Nikolaus hieß. Er war Landvogt von St. Moritz; die Braut, die Toch­ter Jakobs von Riedmatten, Offiziers in Frankreich. Steigen wir in das untere Geschoß nieder, so finden wir auch dort Spu­ren von Freskomalereien, namentlich Anklänge an die bukolischen Verse Vergils, die aber leider größtenteils übertüncht worden sind. Erhalten sind immerhin zwei Porträte über einem Korridorfenster. Sie zeigen in etwas rau­hen Pinselstrichen die Züge eines bärtigen Herrn und einer Dame. Er, in damals obligater Halskrause und Wams; sie, mit kokettem Barett, Teller­kragen und straffer Jobbe. Nach dem etwas dicken Hals der Dame zu ur­teilen, waren damals Kröpfe auch Mode. Über den Köpfen beider Brust­bilder befindet sich ein deutscher Spruch, welcher nur zum Teil leserlich ist. Er lautet: »Voli Rechenzant… Elseli trag den Knaben«. Elisabeth also hieß die Dame. Sonst verrät uns der Spruch nichts, weder den Namen des Man­nes, noch den Familiennamen der Frau. Offenbar ist es ein Ehepaar. — Vielleicht sind es die Erbauer des Hauses. Dem energisch, fast grimmig dreinschauenden Mannsbild würde man den Humor verratenden Neckna­men »Rechenzant« schwerlich zutrauen; und doch wird er es gewesen sein, der ihn verbrochen hat. Was soll der Neckname bedeuten? Wahrscheinlich hatte seine Dulcinea weit von einander abstehende Zähne wie die Heurechen oder Zahnlücken. Jedenfalls läßt der Spruch mehr den Humor als die Galanterie erkennen. Doch zu damaliger Zeit war man nicht von Zuckerpapier und konnte derben Spaß wohl vertragen.

Ebenso wie das Äußere des Hauses ist sein Hof seit den 80er Jah­ren des vorigen Jahrhunderts gänzlich umgeändert worden. Wie sah vordem der Hof aus? Als der Schreibende bereits Primarschüler war, trat man durch ein Bogentor aus Tuffstein in den Hof. Der Pächter, ein gewisser Holzer aus Bellwald, hat dasselbe sciente et annuente domino abgebrochen. Einige Schritte, und man stand gleich im Schatten einer großen, weitästigen Akazie, die links sin der Umfassungsmauer stand. Gegenüber diesem Bau war die Hausstiege, die in zwei oder drei Windungen durch ein gemauertes Treppen­haus sich wand, das zuoberst vor der Hauspforte in ein zierliches Erkerchen aus Tuffstein ausmündete. Zwischen dem Stiegenhaus und dem nächstfol­genden Gemache befand sich auf einer Untermauer ein hölzernes Stübchen, — das, wie deutliche Spuren von Bücherständen erkennen ließen, einst den Bewohnern des Hauses als Bibliothek gedient hat. Noch zu meiner Kna­benzeit befanden sich am Fußboden zerstreut eine Fülle von Pergament­schriften, auf denen wir Jungen herumstampften. Auch wurden diese Per­gamente, ehrw. Zeugen vergangener Zeiten, von den Töchtern des Pächters als Binden für die Kunkel gebraucht oder wanderten ins Feuer…

Angeschlossen an dieses Holzstübchen, folgte ein Gelaß für die Haus­tiere, sodann ein ziemlich hohes Gemäuer, in dessen Innern sich früher eine Weinpresse befand und das einer luftigen Galerie als Unterbau diente. Diese Galerie, die mit einem Schutzdach und mit einer Bretterrampe versehen war, diente, wie mir meine Tante (Celestina Wolff, geb. v. Roten) erzählt hat, der Familie bei schönem Wetter als Ort, wo sie die Mahlzeiten hielt, bei ungünstiger Witterung hingegen zum Wäscheaufhängen. Zu erwähnen ist noch ein alter, gemauerter Speicher, zu dem man vom Hofe aus Zutritt hatte und der zugleich Umfassungsmauer bildete; von der Staldenstraße aus trat man in eine kleine Schmiede. — Das Wohnhaus selbst bot, statt der jetzi­gen kahlen und öden Fassade, einen interessanten Anblick. Die tiefen Fen­sterhöhlen waren nämlich mit Tuff umrahmt und zudem mit Ockerfarbe breit ummalt. Über jedem Fenster zwei Kugeln von gleicher Farbe. Die Wohn­stube war lang und braun vertäfert. In den Ecken waren gestufte Ständer für Blumen oder Nippsachen angebracht. Ostlich der Wohnstube war ein alkovenartiger großer Raum, zu dem man vom Wohnzimmer, aber auch durch eine besondere Türe vom Korridor aus gelangen konnte. Der altersgraue Turm ist durch einen gleichen ersetzt worden. So sahen Haus und Hof des altern Zweiges der v. Roten im Rarondorf aus.

Noch etwas von den frühern Bewohnern dieses Hauses. Das Doppel­wappen auf dem Rundofen der Wohnstube sagt, daß Herr Johann Ignaz Roten ein Fräulein Burgener geheiratet hat und in den Jahren 1 736—38 Meier von Raron, Kastlan von Niedergesteln-Lötschen und Landvogt von Monthey gewesen ist. Sein Bruder Johann Hildebrand, der in Mailand und Wien studiert hatte, wurde régnante Benedicto XIV. Bischof von Sitten 1 752—60, was ihm viele Neider zuzog. Johann Ignaz war durch seine Frau Anna-Maria Schwiegersohn des Landeshauptmannes Burgener. Er starb während einer Gerichtssitzung an Apoplexie. Sein Leibspruch war: »Omnia praetereunt praeter amare Deum«. — Alles vergeht, nur Gott lieben besteht (Thomas a Kempis). Nach meinem Urgroßvater bewohnte eine zeitlang, bis zur Übersiedelung ins untere Rotenhaus, dessen Sohn Nikolaus Roten, Land­vogt von Monthey und Vize-Ballif, das Rotenhaus im Hof. Auf diesen folgte mein Großpapa Nikolaus mit seiner Gemahlin Julie de Courten. Der Vater des Schreibenden ist ebenfalls im obern Rotenhaus geboren. Dieses fiel bei der Teilung an die Linie des Generals Anton Roten-Guzman. Da diese zumeist in Spanien sich aufhielt, oder auch in Sitten, wurden Güter und Haus durch Pächter übernommen bis ein Enkelssohn des Generals wieder nach Raron zog. Dessen Kinder sind nun auch gestorben oder weggezogen.

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