Das Bruderhaus in St. German

Fast mitten im Dorfe von St. German erblickt man ein breit ausladen­ des zweistöckiges Haus, das mit seinen vielen Fenstern im ersten Geschoße ganz den Eindruck eines gewöhnlichen Dorfgemeindehauses oder Gesell­schaftshauses macht. Für letzteren Zweck ist es denn auch bestimmt; es ist nämlich das in Nr. 10 bereits erwähnte Bruderhaus. Dasselbe verdankt seine Entstehung einer Zeitperiode, in der man im Wallis und in der Eidge­nossenschaft das gesellige Leben am meisten zu pflegen verstand und man die Mittel dazu auch reichlich besaß. Es war nämlich die Zeit der Kriegs­dienste in fremden Landen, wo besonders im Oberwallis fast keine Ge­meinde war, die nicht 1 —2 oder mehrere Soldaten und Offiziere dem Aus­lande lieferte. Der ersparte Sold floß zurück in die Dörfer und Flecken. Manche Militärs, namentlich Offiziere, kehrten nach abgelaufener Dienst­zeit heim, um hier ihre reichen Pensionen zu verzehren oder auch Stiftun­gen damit zu bescheren. Aus jener Zeit um 1600—1780 rühren die präch­tigen geschnitzten Schränke und Truhen her, die jetzt der Stolz unserer Mu­seen sind. Besonders aber standen die geselligen Vereinigungen mit üppi­gen Mahlzeiten, Gemeinde- und Schützentrunke allerorts in Blüte, wobei mein aus silbernen Bechern trank und in höhern Kreisen aus silbernen Schüsseln aß.

Obgleich nun die St. Antoni-Bruderschaft ihre Entstehung einem reli­giösen Motiv verdankt, vergaß man das gesellige Moment dabei nicht. (Das Osterlamm in Brig sowie das Dreikönigsessen in Leuk entsprangen übrigens ebenfalls demselben Motiv.) Ursprünglich mag oder wird das Bruderhaus in St. German eine einfache Mahlzeit oder Agape (Liebesmahl) gesehen haben, aber mit der Zeit artete diese in eine Schlemmerei aus, wenn man der Volkssage Glauben schenken darf. Soll es doch vorgekommen sein, daß man ein Rind und zwei bis drei Schafe geschlachtet hat, und das Schmausen erst am dritten Tag ein Ende nahm. Daß dabei der Wein nicht gespart wurde, versteht sich unter Wallisern von selbst. Die Bruderschaft besaß nämlich eigene Rebberge sowie auch eigene Äcker für das nötige Brot.

Es war löblicher Brauch, daß der Vogt und der Gewaltshaber, wie der »Einschenker« der Bruderschaft genannt wird, die Geistlichen, die am Vormittag amteten, den H. Pfarrer und Kaplan, zu dem Trünke extra ein­ luden (dieser Brauch wurde auch eingehalten bis in die neueste Zeit). Des Pfarrers Obliegenheit und in Verbindung desselben, die des Kaplans, war es, vor Beginn des Trunkes das Tischgebet vorzubeten und auch, bevor sie sich entfernten, die hl. fünf Wunden zu beten, sowie am Schluß der armen Seelen zu gedenken. Die Versammlung der Brüder und Schwestern (sie nennen sich gegenseitig an diesem Tag, dem 17. Januar, so) erwarteten von den Geistlichen auch eine Ansprache oder einen kurzen Trinkspruch, dem gerne entsprochen wurde. Dabei war gute Gelegenheit, Ermahnungen einzuflechten, z. B. zur Mäßigkeit, etc. Zu der Zeit, da der Schreibende Kaplan in St. German war, ging es beim Brudertrunk allerdings nicht hoch her, denn die Reben und die Äcker waren längst verkauft worden. Wein und die auszuteilenden Brote mußten aus den zusammengeschrumpften Bruderschaftskapitalien beschafft werden, geräuchertes Rohfleisch oder auch Nüsse brachten die Brüder und Schwestern mit.

Das Bruderhaus mag wohl wenige Jahre nach der Stiftung der Bru­derschaft gebaut worden sein. Wir können also seine Errichtung in das Jahr 1632 oder 33 ansetzen, da die gemalten Scheiben, welche die Signatur ei­nes Speckly, Glasmalers in Konstanz, trugen, das Datum 1634 zeigen (Scheibe des Donators P. Roten). Es ist ein Holzhaus wie alle damaligen Häuser des Dorfes St. German. Durch ein gemauertes Vorhaus oder eine sehr geräumige Küche, die früher ihren Zweck besser erfüllt hat als jetzt, da man keine Rinder und Schafe mehr schlachtet und schmort, tritt man in die Stube, die sehr geräumig ist. Längs den Wänden laufen lange Tische und Bänke für die »ehrsamen Brüder und Schwestern«, wenn sie sich zum edlen Tun versammeln. Feierlich mag das Innere allerdings ausgesehen ha­ben, damals, als noch die gemalten Scheiben dem Eintretenden entgegen­blickten! Das obere Stockwerk wird gewöhnlich vermietet und der ehema­lige Keller, der einst Weintonnen enthielt, wird jetzt als Geißstall benützt.

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