Altes Schulhaus
Baugeschichte:
1587 von Vincenz an der Bigstatt errichtetes Wohngebäude (Balkeninschriften im 1. OG). Das EG diente ursprünglich wohl als Laden, wie eine strassenseitige Bogenöffnung vermuten lässt. Wenige Jahrzehnte später wurden bereits erste Änderungen durchgeführt (neues Täfer in der W-Kammer des 1. OG). Im 19. Jh. wurden im 1. OG in der grossen S-Stube ein neues Täfer und ein Specksteinofen (mit dem Datum 1886) eingesetzt. In dieser Zeit wurden wohl auch die Fenster im Holzteil vergrössert. Womöglich hängen diese Änderungen mit der Einrichtung der Schule zusammen, die bis 1955 in diesem Gebäude bestand. Später wurde das obere Wohngeschoss in eine über die Rückseite erschlossene Ferienwohnung umgewandelt und dabei ein neuer Boden eingezogen, der seither das Treppenhaus unterbricht. 1995 wurde das Gebäude vom Kanton unter Schutz gestellt. 1995/96 wurde es innen und aussen zum Teil tiefgreifend restauriert. Heute sind im EG und im 1. OG Gemeindebüros und im 2. OG eine Wohnung eingerichtet.
Beschreibung / Begründung:
Das nach S ausgerichtete Gebäude mitten im historischen Kern von St. German steht schräg gegenüber der Kirche und am historischen Weg zwischen Raron und Ausserberg. Das zur Strasse hin giebelständige Gebäude unter einem steinplattengedeckten Satteldach erhebt sich über einem rechteckigen Grundriss. Es besteht aus einem zweieinhalbgeschossigen Kantenblockbau auf einem Steinsockel (EG), einem Steinhinterhaus sowie einem bauzeitlichen Steinanbau im W und ist bis auf das Hinterhaus unterkellert. Südseitig ist im EG eine tuffgerahmte Rundbogenöffnung eingelassen, die auf eine urspr. Ladenfunktion des Gebäudes (zumindest im EG) zu deuten scheint. Die links davon eingelassene Rechtecktür mit Fenster wurde im 20. Jh. eingerichtet. Die Blockfassade weist im 1. OG eine fünfteilige Fensterzeile. Die urspr. Fensterhöhe der wohl im 19. Jh. vergrösserten Öffnungen ist am rechts erhaltenen Fensterpfosten und am oberen Rillenfries-Abschluss erkennbar, der durch die Fenstervergrösserung teilweise zerstörte wurde. Im 2. OG sind heute eine zweiteilige Fensterzeile und ein Einzelfenster eingelassen. Die ursprünglichen Rillenfriese, die die Fenster oben und unten einfassten, sind teilweise erhalten. Ein ursprüngliches Fenster ist in verfüllter Form erhalten. Die kleinen Masse sind auffallend (ca. H 60 x B 40 cm) und passen zwischen das obere und untere Zierfries. Die Rillenfriese im 1. und 2. OG sind charakteristisch für das 16. und frühe 17. Jh. (RUPPEN 1976). Im DG sind zwei urspr. Einzelfenster erhalten. Die Pfettenkonsolen sind mit Rossköpfen und Rundstäben reich geschnitzt. Der steinerne W-Anbau ist in den zwei OG durch zwei schmucklose Rechtecköffnungen durchbrochen, die womöglich ursprünglich sind (sie folgen der inneren Holzausstattung). Die Steinfassade im W weist mehrere Rechtecköffnungen und ein Rundbogenportal mit profilierter Tuffrahmung auf. Die Öffnungen sind bauzeitlich, bis auf die Fensteröffnung im südlichen Bodenbereich (andere Rahmenprofilierung). Die Ound N-Fassaden sind stark überformt. Im Inneren verbindet eine Wendeltreppe in der NW-Ecke das EG mit den oberen Geschossen. Eine gerade Treppe in der SW-Ecke verbindet das EG mit dem UG. Trotz teils eingreifender Veränderungen im letzten Jh. ist historische Substanz erhalten. Insbesondere im EG die profilierten urspr. Deckenbalken, im 1. OG die grosse Stube (eh. Schulzimmer) mit profilierten urspr. Deckenbalken (wie im EG), Deckenbalkeninschriften mit Jahreszahl (1587) und Name Bauherr (HIE UF DER HOFSTAT VIMCZEN AN DER BIGSTAT DAS HUS GEBWEN HAT; Transkription von Philipp Kalbermatter, 07.2026, mit dem Hinweis: „Vincenz an der Bigstatt. Der Name An der Bigstatt oder Bigstätter kam in der Gegend früher vor und leitet sich vom Flurnamen Bigstatt in Ausserberg ab.“), einfachem Brettertäfer aus dem 19. Jh. und Specksteinofen von 1886 sowie die Seitenkammer im W mit profiliertem Deckleistentäfer aus dem 17. Jh. (das Täfer wurde ein paar Jahrzehnte nach Errichtung des Gebäudes angebracht, als der direkte Durchgang von der Kammer zum Treppenhaus gesperrt wurde). Das Gebäude steht an exponierter Lage nord-westlich der Kirche an der hist. Hauptdorfgasse. Trotz teils eingreifender Restaurierungsarbeiten ist die hist. Substanz in Teilen erhalten u. verdient eine besondere Beachtung. Die mögliche urspr. kommerzielle Funktion des Gebäudes, die an der erhaltenen Rundbogenöffnung zur Strasse hin abzulesen ist, sowie die spätere Nutzung als Schule unterstreichen seine Bedeutung als wichtiges regionales Bauzeugnis.
Dokumente / Quellen / Bibliografie: Walter RUPPEN, St. German VS. Kirche und Dorf, Bern, (Schweiz. Kunstführer, Vol. 495) 1987, Nr. 2. Felicitas CLEUSIX-FUX, Raron – St. German, Brig, 1997, Nr. 23. Werner BLÖTZER (Büro für Architektur + ORL), Ortsplanung Raron – Schlussbericht, 1977, Anhang 1, Inv.-Nr. 50. Patrick ELSIG (Archeotech), «Sankt German. Altes Schulhaus. Constat archéologique», Sept. 1994 (DIB, Archiv MH, Dossier MH 109-3014). Walter RUPPEN, Das Obergoms, die ehemalige Grosspfarrei Münster, Basel, (Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Bd. 64; Die Kunstdenkmäler des Kantons Wallis, Bd. I) 1976, S. 18.
Text: DIB Dienststelle für Immobilien und Baulliches Erbe, Kanton Wallis







