Alte Prioratskirche St. Germanus
Baugeschichte:
Archäologische Untersuchungen belegen einen 1. Bau aus dem ausgehenden 8. Jh. o. dem 9. Jh., dessen Grundmauern im Kernbau erhalten sind (insb. im Mittelrisalit der Westfassade). Die Errichtung des Glockenturms 1132 weist wohl auf die Erhebung zur Pfarrkirche der zuerst auch Raron untergeordnet war. E. 12. Jh. / A. 13. Jh. wurde das Schiff verbreitert; im 2. V. des 14. Jh. der heutige Chor errichtet (urspr. nicht gewölbt); zwischen 1435 u. 1440 die Wandmalereien der Seitenkapellen ausgeführt; 1438/39 der neue Dachstuhl eingerichtet; 1442 (?) die Altäre des hl. Antonius u. des hl. Sebastian geweiht; vor 1498 die Krypta unter dem Chor eingerichtet; 1511 (?; Jahreszahl auf Eckverbandstein der Turmsüdfassade) Reparaturen am Turm ausgeführt, die Masswerkfenster in Antoniuskapelle (v. Meister Ulrich Ruffiner?, sein Meisterzeichen ist unklar im Tuffrahmen ausgeführt) u. im Chor ausgebrochen; A. 16. Jh. Malereien in den zwei Fensterlaibungen der linken Seitenkapelle wohl v. Hans Rinischer; 1819/1820 die Kirche u. der Kirchturm erhöht sowie der Chorbogen erweitert; 1900 im Chor das Kreuzrippengewölbe eingezogen u. das oberste Turmgeschoss neu gestaltet. 1980-1982 fanden eine umfassende Bauuntersuchung u. Restaurierung statt, die zum heutigen Zustand des Inneren führte; 1995 die Einsegnung der Orgel v. Hans-Jakob Füglister u. 1999 die Einweihung der zum Aufbahrungsraum umgestalteten Lourdes-Kapelle. 2003 wurden die Fassaden restauriert u. das Gebäude dendrochronologisch untersucht.
Beschreibung / Begründung:
Die Kirche setzt sich aus einem mehr o. weniger rechteckigen Langhaus unter Satteldach, einem geosteten eingezogenen Rechteckchor unter Satteldach einer Sakristei unter Pultdach in der nördlichen Chorschulter sowie einem Kirchturm unter geknicktem Pyramidenhelm in der SO-Ecke des Langhauses zusammen. Die zum Teil recht unterschiedlich gestalteten Fassadenelemente zeugen von der langen Entwicklungsgeschichte der Kirche. Die Fassaden sind weiss verputzt u. die Tuffelemente (mit Ausnahme der Langaushochfenster des 19. Jh. sind alle Fenster- u. Portalöffnungen mit Tuffrahmen versehen) aus konservatorischen Gründen seit 1980 weiss übertüncht. An der Westfassade tritt der Kernbau des 8./9. wie ein Mittelrisalit leicht hervor. Der darüberliegende Dreieckgiebel mit Okulus ist ein für das 19. Jh. typisches Stilelement. Die im Dreieck angeordneten schmalen Rundbogenfenster der Chorstirnwand sind ein Architekturmotiv des Hochmittelalters (z.B. Allerheiligenkapelle bei Valeria). Die Öffnungen mit nur wenig bearbeiteten Tuffrahmen stammen grundsätzlich aus der Zeit vor dem 15. Jh., diejenigen mit stark profilierten Tuffrahmen zeugen von Veränderungen u. Vergrösserungen im 15. u. 16. Jh. Zu den spätmittelalterlichen Öffnungen gehören etwa die Rund- u. Kielbogenfenster am Ostende der nördlichen Langhausfassade u. der südlichen Chorwange, wobei die Kielbogenöffnung an der Langhausfassade ein Meisterzeichen trägt, das womöglich ein Kreuz über Sparren zeigt u. folglich Ulrich Ruffiner zugeschrieben werden könnte u. vielleicht mit den Arbeiten von 1511 zusammenhängt. Das schlichte Innere zeichnet sich durch ein breites Langhaus mit offenem Dachstuhl u. einen Chor mit einem Kreuzrippengewölbe auf Ecksäulen aus. Unter dem um mehrere Stufen höher gelegenen Chor führt eine Rundbogentür mit profiliertem Tuffrahmen in die dreischiffige Krypta mit Rundpfeilerpaar. Der Chor führt links über eine Rundbogentür mit profiliertem Tuffrahmen in die Sakristei. In der Sakristei und in der Krypta sind Kreuzrippengewölbe eingezogen, deren Rippen für das Spätmittelalter in der Region typische Doppelkehlen aufweisen. Spuren ehemaliger Dachschrägen an den Chorschultern zeugen von dem vor dem 19. Jh. viel tiefer gestellten Langhausdach u. von den ursprünglich noch viel gedrungeneren Proportionen des Gebäudes. Die Ausstattung setzt sich aus Elementen versch. Zeitepochen zusammen. Erhalten sind ein romanisches Weihwasserbecken, ein gotisches Kruzifix am Chorbogen und figürliche Wandmalereien im Bereich der zwei Seitenkapellen (an der Nordwand in den zwei Fensterlaibungen Darstellungen der Geistlichen u. Stifter Laurentius Zender u. Rodolfus Tynnen (frühes 16. Jh., v. Hans Rinischer (?); erste nachgewiesene Porträtmalerei im VS); an der linken Schulterwand hortus conclusus sowie in der Fensternische hl. Barbara u. hl. Bischof (1435/1440); an der rechten Schulterwand Kreuzigungsgruppe u. Verkündigungsmaria (1435/1440); an der Südwand hl. Theodul (?; 1435/1440). Von der barocken Ausstattung ist ein Retabelaufsatz erhalten, der heute an der südlichen Langhauswand hängt. Im Chor sind zudem barocke Statuen erhalten, die auf Konsolen gestellt sind. Über dem Chorbogen hängt ein mittelalterliches Kruzifix. Die Altäre aus Steinmauerwerk weisen ins Mittelalter. Zahlreiche Ausstattungsobjekte sind abgewandert (etwa ins Historische Museum Basel die Statue des thronenden Bischofs Germanus (in der Kirche eine Kopie) und ein stehender Bischof (beide 14. Jh.); der Flügelretabel von Ausserberg (spätgotisch)). Die hölzerne Orgeltribüne ist ein jüngerer Zusatz. Die Kirche St. German ist ein wichtiger Zeuge der Entwicklung des Walliser Pfarreinetzes im Früh- und Hochmittelalter. Sie bewahrt architektonische Substanz aus den verschiedenen Jahrhunderten, seit der Entstehung des ersten Heiligtums im 8./9. Jh. Unter den Ausstattungselementen sind besonders die Wandmalereien des 2. V. des 14. Jh. und des frühen 15. Jh. hervorzuheben. Die Kirche ist in ihrer historischen Substanz vollumfänglich zu bewahren.
Dokumente / Quellen / Bibliografie: Werner BLÖTZER (Büro für Architektur + ORL), Ortsplanung Raron – Schlussbericht, 1977, Anhang 1, Inv.-Nr. 51. François-Olivier DUBUIS, «L’église de Saint-Germain des Vignes », in Vallesia, 1984, S. 92-124. Walter RUPPEN, St. German VS. Kirche und Dorf, Bern, (Schweizerische Kunstführer, Serie 41, Nr. 405) 1987, Nr. 5-11. Felicitas CLEUSIX-FUX, Raron – St. German, Brig, 1997, Nr. 25. Carmela KUONEN ACKERMANN, «Die Kirche von St. German», in Kulturstiftung Raron (Hg.), Mit Rilke durch die Jahrhunderte, Die Geschichte von Raron und St. German neu entdeckt, Visp, 2022, S. 176-179. Daniel KISSLING, Michel DELALOYE, Jan KANSY, Architektonisches Kulturerbe von Raron und St. German. Auf den Spuren der Bausteine und ihrer Herkunft, Visperterminen, 2023, Nr. 14.
Text: DIB Dienststelle für Immobilien und Baulliches Erbe, Kanton Wallis







