Burgkirche St. Romanus
Baugeschichte:
«Mit Schiedsspruch vom 17. Aug. 1505 ordnete Bischof Matthäus Schiner (1499-1522) den Wiederaufbau der Pfarrkirche von Raron auf dem Burghügel an. Die romanische Kirche im Dorf Raron […] musste ersetzt werden. […] Der Walser Baumeister Ulrich Ruffiner von Prismell in der Valsesia (heutiges Piemont) wurde – wohl auf Empfehlung des Fürstbischofs – mit dem Neubau beauftragt. […]Bereits im 11./12. Jh. entstand auf dem Burghügel eine Ringmauer […]. [Südwestlich im Burgareal] wurde zu Beginn des 14. Jh. ein monumentaler viergeschossiger Bau von quadratischem Grundriss (20x20m) mit imposantem Gemäuer errichtet. Spuren von Fensteröffnungen u. einer Küchennische deuten auf eine urspr. Wohnfunktion. Wer der Erbauer dieses in der Literatur als ‘Palas (repräsentativer Bau einer Burganlage) bekannten Turms war, bleibt unklar.» (PROVIDOLI) «1512 bediente sich [..] Ruffiner des inzwischen verlassenen ‘Palas’ zur Errichtung des Schiffs der neuen Pfarrkirche […]. Der Baumeister zog die Mauern höher u. brach die Ostwand […] auf, um […] das Chorpolygon (mit Beinhaus im Untergeschoss) anzusetzen. In der südlichen Langhausschulter zog er den Glockenturm (mit Sakristei im EG) hoch. Die Jahreszahl 1512 erscheint am Schiffsnordportal […] zusammen mit dem Meisterzeichen Ruffiners, an einem Fenstersturz des Beinhauses […], über der Fensterkammer der nördlichen Schiffswand […] und am Chorgewölbe. 1512 entstanden an der Schiffsnordwand ein monumentales Jüngstes Gericht und weitere Malereien. Im gleichen Jahr wurden das Chorgewölbe u. wohl auch das Sakramentshäuschen an der linken Chorwand sowie die Umrahmung der urspr. Kanzeltür rechts des Chorbogens und 1513 das Beinhaus malerisch ausgestaltet. 1514 fand die Altarweihe statt u. 1515 wurde der Taufstein eingerichtet. Wenig später drohte das stützenlose Gewölbe im Schiff […] einzustürzen. 1517 (Datum u. Meisterzeichen an einem Schlussstein) zog Ruffiner im Schiff das heutige Netzgewölbe ein u. stützte es auf zwei neu errichtete Pfeiler. […] 1629 u. um 1660 fügte man […] barocke Wandmalereien an der rechten Chorwange, rechts des Chorbogens u. in den Fensterkammern der Schiffssüdwand hinzu. Die Gewölbemalereien wurden übermalt u. die gotischen Retabel u. die Bänke durch barocke Exemplare ersetzt. 1653 wurde im Chor ein neues Gestühl errichtet. 1656 entstand die neue Kanzel am Südpfeiler u. 1661 o. etwas später der Taufsteinaufsatz. 1689 wurde das Turmkreuz letztmals erneuert. Um 1743 wurde links vom Chorbogen die alte Küchennische des Wohnbaus in ein Heiliges Grab umgestaltet. 1817 wurde wohl die Westempore eingezogen. Sie birgt eine Orgel des Gommer Orgelbauers Wendelin Walpen (1774–1847/1850) aus dem Jahre 1837/38. Nach der M. des 19.Jh. wurden die Barockaltäre bis auf den Altar […] links des Chorbogens durch historistische Exemplare ersetzt. Neugotische Beichtstühle u. ein neugotischer Kreuzweg wurden eingesetzt. Die Firma C. Wehrli gestaltete 1877 u. wohl auch 1908–1918 die historistischen Glasfenster im Chor. […] Anlässlich der Kirchenrenovation von 1923–1924 wurden das Jüngste Gericht u. die anderen Malereien aus der Bauzeit […] freigelegt u. restauriert. […] 1970–1972 wurde die Burgkirche einer Gesamtrestaurierung unterzogen u. bis auf zwei neugotische Seitenaltäre in ihren vorhistoristischen Zustand zurückversetzt. […] Die Wandmalereien im Beinhaus wurden 1991–1992 […] konserviert […]. Der […]1970–1972 entfernte neugotische Hochaltar wurde […] restauriert u. 1997 wieder im Chor aufgerichtet. 2017–2019 wurde die Burgkirche […] neuen Restaurierungsarbeiten unterzogen.» (PROVIDOLI, RUPPEN)
Beschreibung / Begründung:
«Die Burgkirche ist ein geosteter, dreischiffiger und zweijochiger Saalbau mit quadratischem Langhaus unter […] Satteldach und eingezogenem, etwas höherem, schindelgedecktem Polygonalchor» (PROVIDOLI, RUPPEN) «Ruffiners Bau ist in seiner ursprünglichen Form bis heute grösstenteils erhalten und zeigt zahlreiche charakteristische Stilelemente des Meisters. Dazu gehören das Stern- u. das Netzgewölbe in Chor u. Langhaus, die in Tuf gestalteten Architekturelemente wie die profilierten Gewände, die gekehlten Gewölberippen und die romanisch anmutenden Figurenkonsolen, denen sie aufliegen, die von Rundstäben gerahmten Gewölbeschlusssteine, die Stab- u. Rillendekore an Sockeln u. Kapitellen, die Wappenschilder in Tartschenform u. nicht zuletzt die Fenstermasswerke mit ganz eigenen, etwas vereinfachten Flamboyantmotiven» (PROVIDOLI, RUPPEN) «Der sakrale Bau stellt Ulrich Ruffiners erstes fassbares Werk dar. Auf der Baustelle nahm zudem die langwährende Zusammenarbeit des Baumeisters mit dem […] Maler Hans Rinischer […] ihren Anfang. Rinischer brachte Ruffiners Bauten mit seinen […]Malereien zur abrundenden Vollendung.» (PROVIDOLI) Die an eindrücklicher Lage auf dem mittelalterlichen Burghügel inmitten des Rhonetals gelegene Burgkirche ist in ihrer ursprünglichen Substanz u. Umgebung grösstenteils erhalten u. stellte eine der eindrücklichsten Bauten der Walliser u. Schweizer Spätgotik dar.
Text: DIB Dienststelle für Immobilien und Bauliches Erbe, Kanton Wallis









