Felsenkirche St. Michael
Von weitem ist über dem Rhonetal die Burgkirche von Raron als eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Schweiz zu sehen. Umrahmt von dem Turm der Viztume und dem alten Pfarrhaus, das heute ein Museum beherbergt, schreibt die Kirche St. Romanus bereits seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts Geschichte. Damals wurde auf Weisung des Kardinals Matthäus Schiner eine Gottesstätte in die ehemalige Turmanlage eingegliedert.
Seit 1974 hat die Burgkirche eine würdige Entsprechung gefunden. Die Rarnerinnen und Rarner haben die Worte Jesus an Petrus (Mt. 16,18) gleich doppelt ernst genom-men: sie bauten ihre erste Kirche auf den Fels, die zweite aber in den Fels, und zwar in denselben Burghügel! Dieser architektonische Wurf ist einmalig in Europa. Von der neuen Gartenanlage aus hat man die Burgkirche, die Felsenkirche und das 1964 erbaute Pfarrhaus in ein um demselben Blick-winkel. Diese beeindruckende Einheit von Natur und Kultur, von Schönheit und Zweckmässigkeit hat starken symbolischen Charakter: der Fels als Sinnbild des Glaubens.
Fels des Glaubens
In altsemitischer Zeit galten Felsen als Behausung der Gottheit. Gott selbst erscheint in bildhafter Sprache als Felsengestein (Psalm 31). Seine Unverrückbarkeit machte den Felsen oft zum Symbol der Heiligen Mitte.
Seit jeher wurde der Innenraum der Berge bewohnt. Dies bezeugen die berühmten Fels- und Höhlenbilder aus prä-historischer Zeit. Die Höhle wurde immer mit Geburt und Tod in Verbindung gebracht. So glaubten die alten Ägypter, dass der Nil einer Höhle entspringe. Bei den Griechen war der Berginnenraum die Geburtsstätte der Götter, bei den Azteken gar Ursprung ganzer Völker.
Die Felsenkirche mit ihren archaischen Innenformen erinnert auch an die Vorstellung von der Mutter Erde, die alles Leben aus ihrem Schoss hervorbringt. Diese petra genetrix ist ein Ort der Stille, der Geborgenheit und inneren Ein-kehr, auf dass sich der Mensch wieder gebäre im Geiste von Jesus Christus.
Gleichzeitig sind solche natürlich oder künstlich entstande-nen Felsräume oft als der Eingang ins Totenreich gedeutet worden. Ein Beispiel künstlicher Grabhöhlen sind die Katakomben der Frühchristen, die hier vor Verfolgungen Zuflucht suchten, ihre Verstorbenen bestatteten und auch die Heilige Messe lasen.
Viele Beispiele aus der Kulturgeschichte wären hier noch anzufügen. Sie alle sagen dasselbe aus: das Felsinnere fas-ziniert seit Menschengedenken und ist in allen Kulturen zu finden. Die Höhle findet ihren Niederschlag am ausgeprägtesten in der römischen Kuppelarchitektur (Pantheon), die für den Sakralbau des Abendlandes bestimmend sein sollte. Der Raum wird zum Gewölbe, zum geschlossenen Abbild des allumfassenden Weltalls.
Aus diesen Gründen haben Gotteshäuser und Einsiedler-klausen in Felsen eine lange Tradition: in Isar-Oberstein (D), bei Serrig an der Saar (D), bei Bad Kreuznach (D), am Bischofssitz in Salzburg oder als heute noch bewohntes Kloster auf der griechischen Insel Amorgos, in den Tuffkegeln Kappadokiens in der Zentraltürkei, im Kiewer Höhlenkloster, aber auch in Jugoslawien, an der Mittelmeerküste und Bulgarien: und als jüngstes Beispiel in der Felsenkirche von Raron.
Rundgang
Vom Bahnhof aus erkennt man bereits das malerische Dorf Raron am rechten Rhoneufer, an den Sonnenhang geschmiegt mit seinen geschichtsträchtigen Häusern. Zu seiner Rechten thront die Burgkirche auf dem Burghügel. Im Herzen dieses Hügels liegt eingebettet die Felsenkirche, die zu Fuss über die Rhonebrücke dank der guten Beschilderung leicht erreichbar ist.
Vorgelände und Vorbau
Die grosszügige Gartenanlage vor der Kirche hebt sich ab von dem steil auffliegenden Felsen, der beinahe bedrohlich wirkt. Von hier aus kann man gleichzeitig die Burgkirche, den Vorbau der Felsenkirche und das neue Pfarrhaus erblik-ken. Die einladenden Grünflächen dienen dem einheimischen Theaterverein zur Aufführung von Freilichtspielen. Kann man sich eine bessere Kulisse für die Passionsspiele vorstellen? Hier versammelt sich die Pfarrgemeinde vor und nach den Gottesdiensten, oder bei besonderen Anlässen wird hier ein Apero serviert.
Der Vorbau, bestehend aus der Glockenanlage, der Sakristei, dem Ministrantenraum und dem Heizraum, betont die Horizontale als Gegenstück zum hochaufragenden Felsen und zur Kirchturmspitze als Verlängerung. Auf ihre Weise bilden hier die alte und die neue Kirche sozusagen ein architektonisches Kreuz. Gleichzeitig wird der Vorbau mit seinen strengen, abfallenden Formen der Umgebung gerecht, insbesondere dem bereits 1964 erbauten Pfarrhaus. Es war der Wunsch der Bauherrschaft, dass die Felsenkirche von aussen sichtbar sei, jedoch in keiner Weise mit der Burgkirche ästhetisch wetteifern sollte. Der Innenraum musste aus felsstatischen Gründen vollständig in den Burghügel verlegt werden. Der Gesamteindruck besticht durch seine Einheit und Schlichtheit.
Glocken
Bei der Glockenanlage handelt es sich um vier Glocken mit folgenden Merkmalen:
Stimmung: es f as b
Durchmesser: 129 cm 116cm 102 cm 92 cm
Gewicht: 1210 kg 900 kg 620 kg 450 kg
Dieses Glockenquartett wurde am 1. Juni 1974 eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben.
Die Inschriften sind von Hochwürden Dr. Andreas Arnold verfasst worden und lauten folgendermassen, mit der grössten Glocke beginnend:
Inschrift 1:
Heiliger Erzengel Michael, beschirme uns im Kampfe“.
lnschrift 2:
,, Heilige Jungfrau Maria führ uns zu Jesus“.
Inschrift 3:
,,Heiliger St. Germanus bitte, dass wir uns verstehen“.
Inschrift 4:
,,Heiliger Josef sorge für unsere Familien“.
Haupteingang
Die Felsenkirche verfügt über zwei Eingänge: der Haupt-eingang mit einer Länge von 13 Metern führt direkt in den Innenraum. Ein zweiter Eingang ist über die Sakristei gegeben. Dazwischen blieb ein Felsstück von ungefähr 6 x 5 Metern stehen, das durch die elegante architetektonische Lösung nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar ist. Zur Rechten des Haupteinganges sind die Sakristei, der Ministrantenraum und der Heizungsraum untergebracht auf einer Fläche von zirka 90m2, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist mit Ausnahme der Toilettenanlage.
Die massiven Felswände sind eine ideale Isolation. Im Innenraum wurden an den heissesten Tagen maximal 20 Grad gemessen, im Winter nicht weniger als 12 Grad.
Die Konzeption des Baus schliesst sogar die Benutzung als Zivilschutzraum in Katastrophenfällen ein.
Innenraum
Das Innere der Kirche ist vollständig in den Fels verlegt. Die Anordnung der Elemente ist in erster Linie von der Eucharistiefeier inspiriert. Der heilige Bezirk mit Tabernakel und Zelebrationsaltar, die Bankanordnung, die Wandverkleidung als Palisadenzaun aus ausgehöhlten Halbstämmen und der Bodenbelag wurden bewusst in Materialwahl und Formgebung möglichst einheitlich bewertet, um den Altarraum mit dem Gläubigenraum verschmelzen zu lassen. Diese Verbindung wird zusätzlich betont durch den leicht abfallenden Boden, hin zum Altar. Auf diese Weise kann in der Heiligen Messe eine Tischgemeinschaft im frühchristlichen Sinne entstehen. Der einheitliche Raum wirkt ruhig und schlicht in seiner Würde und Bescheidenheit.
Die maximale Länge des Kircheninnenraums beträgt 35 Meter, die maximale Breite 19 Meter, der höchste Punkt 12 Meter. Das Gewölbe ist mit einer Spritzbetonfläche auf einer Fläche von 2000 m2 überzogen. Es stellt sich dem Besucher die berechtigte Frage, weshalb man den rohen Felsen nicht als Gewölbestruktur beliess. Dazu sind verschiedene Gründe anzuführen. Die technische Machbarkeit schloss eine solche Lösung zum vornherein aus. Es han-delt sich hier nicht um eine natürliche Felsgrotte mit natürlicher Oberfläche, sondern um künstlich ausgebrochenen Fels. Beim Ausbruch entstehen unvermeidlich Verletzun-gen der natürlichen Felsstruktur. Eine gunitierte Fläche, die den unregelmässig ausgebrochenen Felsstrukturen folgt, ergibt nach Meinung des Architekten eine natürlichere Oberflächenabstrahlung. Zudem kann eine rohe Felsgrotte bei einigen Menschen Raumangst hervorrufen. Ziel war die Schaffung eines bewohnten Raumklimas, das aber den Charakter des Felsenraums nicht beeinträchtigen soll. Die heutige Erscheinung des Innenraums ist im wesentlichen ein gelungener Kompromiss zwischen felsstatischen Anforderungen und architektonischen Wünschen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Fels durch seinen Eigenwillen diese bizarren Formen selber hervorgebracht hat.
Neben Gottesdiensten finden hier vermehrt musikalische Veranstaltungen statt, so etwa im Rahmen des Festivals Tibor Varga.
Nebengrotte
Ursprünglich war die Nebengrotte nicht geplant. Sie wurde erst im Verlaufe der Stollenarbeiten ausgesprengt und erfreut sich heute grosser Beliebtheit als Ort der stillen Einkehr. Die bescheidene Grotte wirkt wie eine seit Jahrhunderten benutzte Zufluchtsstätte und lädt zum Gebet ein.
Altar und Taufstein
Der Altar ist in seinen betont einfachen Formen der Mittelpunkt der Eucharistiefeier, um den sich die Gläubigen scharen. Daneben ragt der ebenfalls schlichte Taufstein empor, der von dem einheimischen Bildhauer Hans Loretan aus Brig geschaffen wurde und erst 1978 hier seinen Platz fand.
Orgel
Bis 1981 musste sich die Pfarrei mit einem Orgelprovisorium begnügen. Die heutige Orgel ist eine rein mechanische Orgel mit folgender Disposition: 10 Register im Hauptwerk, 6 im Brustwerk und 5 im Pedal. Sie verfügt über eine rein mechanische Spiel- und Registertraktur. Das von Hans J. Füglister erbaute Instrument wurde am 18. April 1982 feierlich eingeweiht. Es dient vorwiegend der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste sowie vermehrt Konzertanlässen.
Die Akustik wird allgemein als gut bewertet und ist vergleichbar mit Kirchenräumen von einer ähnlichen Grösse.
Tabernakelbild „St. Michael“
Dieses künstlerische Kleinod ist ebenfalls von Hans Loretan geschaffen worden. Unbeleuchtet strahlt das Glasgemälde eher eine Art Skulptur in Betonrelief aus. Das indirekte Licht aber taucht den Heiligen Bezirk durch die schillernde Farbkomposition in eine mystische Stimmung.
Der Kampf des heiligen Michael mit dem Drachen symbolisiert den Sieg über das Böse. So steht es in der Offenbarung, 12, 7-9: ,,Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel.“
Das Kunstwerk, obwohl erst nachträglich geschaffen, fügt sich vollkommen in das Gewölbe ein. Man könnte sich vorstellen, dass das Spiel des tropfenden Wassers die Gestalten des kämpfenden Michaels und des Drachens hervorgebracht hätte. Durch dieses Kunstwerk wird auf eindrückliche Weise das Zusammengehen von Natur, Architektur und Kunst unterstrichen, welches dieses aussergewöhnliche Gotteshaus durchwirkt.
Beleuchtung
In einem Innenraum ohne Tageslicht bestimmt die Beleuch-tung wesentlich die Raumgestaltung. Das indirekte Flutlicht hinter dem Palisadenzaun leuchtet die gesamte Gewölbekuppel aus und betont dadurch die Einheit und Gemeinschaft. Der Besucher kann die Beleuchtung über eine Zeitschaltuhr am Eingang betätigen, während das Licht im Heiligen Bezirk die Funktion der Notbeleuchtung übernimmt.
Belüftung
Ein spezielles Belüftungssystem sorgt dafür, dass sich im Innenraum kein Kondenswasser bilden kann. Dazu ist täglich ein dreimaliger Betrieb notwendig. Falls sich die Eingangstüre schwer öffnen lässt, ist die Anlage durch die Zeitschaltuhr eingestellt.
Kurzer geschichtlicher Abriss
Der Burghügel von Raron ist seit 1926 die Ruhestätte des Dichters Rainer Maria Rilke. Rilke schrieb in seinem Testament: ,,Ich wünsche nicht in Muzot oder Sierre, sondern auf dem Friedhof der alten, hoch über dem Rhonetal gelegenen Kirche von Raron beigesetzt zu werden, mit einem Grabstein, der meinen Namen, das Rilkesche Fami-lienwappen und Verszeilen tragen soll: Rose, oh reiner Widerspruch./Lust,/Niemandes Schlaf zu sein/unter soviel/ Lidern“ (aus dem Testament von Rainer Maria Rilke vom 27. Oktober 1925). Dadurch wurde die Kirche auf dem Fels neben einem Wallfahrtsort für Gläubige auch zu einer internationalen Kultstätte für die Verehrerinnen Rilkes.
Das Projekt zum Bau einer neuen Kirche in Raron Anfang der 60-er Jahre wurde national eher mit Besorgnis und Unmutaufgenommen. Aber die Sorge um die Erhaltung dieses historischen Ortes teilten die Rarnerlnnen mit den begeisterten Besucherinnen aus aller Welt. Man darf nicht vergessen, dass die Gläubigen damals dringend auf eine neue Kirche angewiesen waren, wollte man die Pfarrgemeinde lebendig erhalten.
Vordenker
Die Felsenkirche von Raron ist vorwiegend mit einem Namen verbunden: Hochwürden Dr. Andreas Arnold, der am 7. Mai 2000 verstarb. Pfarrer Arnold betreute die Pfarrei von 1958 bis 1979. Bereits bei seinem Amtsantritt erkannte er in weiser Voraussicht die Notwendigkeit einer Gottesstätte, die für die Gläubigen leichter erreichbar war. Der Aufstieg zur Burgkirche gestaltete sich für die Bevölkerung zunehmend schwieriger, besonders für die älteren und ganz jungen Personen, denn es gab auch keine Autozufahrt. Der malerische Weg über die Stalde hinauf war im Winter oft vereist und der Kirchenraum ohne nennenswerte Heizung. Mit zunehmender Motorisierung zogen es die Kirchgängerinnen vermehrt vor, in die Nachbargemeinden abzuwandern. Um den seelsorgerischen Belangen nachzukommen, musste rasch eine Alternative gefunden werden.
Geburt der Idee
In einer ersten Phase plante man eine neue Kapelle im Dorf mit mindestens 400 Sitzplätzen. In den Jahren 1963/64 wurde auf der westlichen Seite des Burghügels das Pfarrhaus fertig gestellt und zwar mit der Absicht, später auf diesem pfarreieigenen Grundstück die neue Kirche zu erbauen.
Für das ehrgeizige Projekt wurde eine Baukommission ein-berufen bestehend aus Kirchenrat, Gemeinderat und einigen weiteren Personen der Dorfschaft. Der Architekt Donat Ruff wurde beauftragt, Projektvorschläge für einen Kirchenbau neben dem neuen Pfarrhaus auszuarbeiten. Ein Teil der Kommission legte einen Gegenvorschlag auf den Tisch: Neubau der Kirche mit Mehrzweckzentrum in den Bietschgärten. Diese Variante setzte aber nicht nur den Ankauf eines beträchtlichen Grundstücks voraus, sondern auch die Bereitstellung der fehlenden Infrastruktur. Zudem befürchtete man eine ästhetische Konkurrenzierung der Burgkirche.
Diese diversen Standort- und Projektfragen zogen die Diskussion zunehmend in die Länge. In einer Sitzung der Baukommission soll Pfarrer Arnold einmal verzweifelt aus-gerufen haben: ,,Wenn wir keinen geeigneten Platz finden, gehen wir mit der Kirche in den Burgfelsen!“
Diese scheinbar verrückte Idee tat ihre Wirkung. Ein Mitglied der Kommission, der ortsansässige Bauunternehmer Jules Theler mit reichen Erfahrungen im Stollenbau, verfolgte diese Idee weiter, bis aus einem Verzweiflungsakt greifbare Wirklichkeit wurde. Das geologische Gutachten von Dr. R. U. Winterhalter aus Zürich im Jahre 1964 fiel positiv aus: ,,Alle Beobachtungen lassen darauf schliessen, dass das Gebirge standfest ist, die Wände also unverkleidet belassen werden können oder höchstens zu gunitieren sind.“ (Winterhalter, R. U.: Geologisches Gutachten betreff Kirchenneubau, Kaverne Burghügel, S. 3, Zürich 1965). In den folgenden Jahren gab der Landesbischof Nestor Adam seine Zustimmung, ebenfalls die diözesane Kunstkommission, der kantonale Naturschutz und die kantonale Baukommission.
Das riskante Unternehmen
Heute erst kann man sich vor Augen führen, wieviel Mut eine solche Entscheidung kostete, das Gotteshaus vollumfänglich in den Fels zu bauen. Der ungewöhnliche Bau der Felsenkirche war aufgespannt auf die Pflöcke der Extreme: Begeisterung und Ablehnung, Natur und menschliches Einwirken, Planung und Zufall, technische Notwendigkeiten und ästhetische Anforderungen. Und über allem schwebte die Ungewissheit des Gelingens! Nicht zu vergessen sind die anfangs schwierig zu beziffernden Kosten und die unsichere Finanzierung des Vorhabens, denn die Pfarrei Raron hat den Bau ohne öffentliche Gelder bestritten.
Der Kavernenausbruch
Am 2. Dezember des Jahres 1970 konnte man mit den Arbeiten am Sondierstollen beginnen. Auf 2×3 Metern trieb man den Stollen auf eine Länge von 35 m ins Gestein. Messinstrumente registrierten jede Erschütterung, damit die Sprengungsarbeiten die 500Jahre alte Burgkirche nicht gefährden konnte. Die anschliessenden Messungen bezüg-ich Anzahl und Lage der Klüfte sowie Schieferungsfugen beseitigten die letzten Zweifel an der Möglichkeit eines Vollausbruchs und dienten zur Bestimmung der günstigsten Lage des Hohlraums. Im Februar 1971 war ein zweiter Stollen zehn Meter tief in den Berg verlegt worden, so dass er von schweren Baumaschinen befahren werden konnte.
Am 3. Mai 1971 begann man mit dem Kavernenausbruch. Innerhalb von vier Monaten wurde der Ausbruch von insgesamt 6000 m3 Material durch lediglich vier Arbeiter fertiggestelltl Unter der Federführung des Architekten Ruff wurden einschlägige Spezialisten beigezogen, um die Probleme der Felsabdichtung, Felsverkleidung und Kondenswasserbildung zu lösen. Im Frühjahr 1972 nahm man die notwendigen Nachsprengungen vor. Anschliessend führte man die Dichtungsarbeiten und die Felsverkleidung aus. Es folgten im November 1972 die Baumeisterarbeiten sowie die Spritzbetonarbeiten im Inneren. Die Felsenauskleidung wurde in sechs Schichten aufgetragen: die erste Ausgleichsschicht in Spritzbeton, die zweite Schicht als wasserdichte Isolation, die dritte als Schutzschicht in Spritzbeton, die vierte als Stahldrahtnetzarmierung, die fünfte als Stützbeton in vierschichtiger Spritzbetontechnik und schliesslich die jetzt sichtbare Deckschicht wiederum in Spritzbeton. Ein Jahr später folgte der Innenausbau der Kaverne und des Kirchenvorbaus. Im Jahre der Einweihung 1974 wurde die Inneneinrichtung angebracht und die Umgebungsarbeiten beendet. Am 1. Juni konnte das neue Gotteshaus im Felsen zum erstenmal bestaunt werden anlässlich der Firmung durch Landesbischof Nestor Adam und der ersten Heiligen Messe sowie der feierlichen Ein-weihung der Glocken.
Am 28. September 1974 wurde die Felsenkirche eingeweiht.
Architektonische und wirtschaftliche Betrachtungen
Der Architekt Donat Ruff bezeichnet im nachhinein den erstmaligen Bau eines Kirchenraumes in eine künstlich ausgebrochene Kaverne als risikoreich. Probleme vor und nach dem Bau waren ausserordentlich gross, da man nicht auf vergleichbare Projekte zurückgreifen konnte. Hier seine persönliche Einschätzung aus dem Jahre 1978, vier Jahre nach der Einweihung (aus: Arnold Andreas; lmboden Adolf; Ruff Donat: Die Felsenkirche von Raron, Rotten Verlag, Visp 1979, S. 40-42): ,,Der Bau der Felsenkirche in Raron war für mich oft ein sehr schöner, oft ein mühsamer, oft ein fast abenteuerlicher Weg, sicher aber ein sehr langer Weg. 12 Jahre von der ersten Sitzung im damaligen Pfarrhaus auf dem Burgfelsen am 18. November 1962 bis zur Einweihung der neuen Kirche am 28. September 1974.
Ich möchte hier die Probleme so darlegen, wie ich sie heute nach dem Bau und an Hand der gesammelten Erfahrungen sehe.
Eignung
Ein Felsenraum ist als Sakralraum sehr geeignet. Die ästhetischen Probleme sind zwar recht ungewohnt, anderseits sind naturgegebene Voraussetzungen da, welche die Aufgabe des Architekten erleichtern, wenigstens in mancher Hinsicht.
Felssicherheit
Die Probleme schienen sehr gross zu sein. Heute aber bin ich der Ansicht, dass bei einigermassen guten Felsverhältnissen diese Probleme technisch und wirtschaftlich gut lösbar sind.
Kondenswasserbildung
Es schien anfangs unmöglich, ein wirtschaftlich tragbares Heizungs- und Lüftungssystem (Kondenswassergefahr) zu finden. Es wurde dann aber eine einwandfreie Lösung gefunden, die sogar sehr wirtschaftlich ist.
Wassereinbrüche
Das Problem der Felsabdichtung ist schwierig und wurde nicht einwandfrei gelöst. Der Mehraufwand für eine einwandfreie Lösung würde in den Gesamtkosten einer Fel-senkirche nicht merklich ins Gewicht fallen. Wenn aber Wassereinbrüche mit Sicherheit ausgeschlossen werden können, würden wesentliche Einsparungen bei den Fels-verkleidungsarbeiten gemacht werden können.
Wirtschaftlichkeit
Die Felsenkirche in Raron ist ein wirtschaftlicher Bau. Ein konventioneller Kirchenbau im Freien wäre wohl teurer gewesen. Dies kann aber nicht verallgemeinert werden. Die örtlichen Gegebenheiten, die planenden Fachleute und auch die Bauherrschaft beeinflussen die Baukosten in hohem Masse. Eine Felsenkirche könnte, gegebenenfalls noch wirtschaftlicher erstellt werden als im Fall Raron, wenn alle Voraussetzungen günstig sind und voll ausgenützt würden. Eine Verdoppelung der Baukosten wäre bei ungünstigen Voraussetzungen und bei nicht fachgerechtem, aber auch bei übervorsichtigem Vorgehen, durchaus möglich. Die Baukosten lassen sich auf alle Fälle schwer im vornherein verbindlich berechnen. Mit Unvorhergesehenem muss bei einem solchen Bau gerechnet werden. Die Bereitschaft, ein Mindestmass an Risiko auf sich zu nehmen, sollte bei der Bauherrschaft und planenden Fachleuten vorhanden sein. Wenn dies nicht der Fall ist, so ist von einem solchen Bauvorhaben abzuraten.
Akustik
Die akustischen Probleme in einer Felsenkirche sind gut lösbar.“
Kurzporträt
Architekt
Donat Ruff, Visp
Damaliger Pfarrer
H.H. Dr. Andreas Arnold (t 2000)
Bauzeit
3½ Jahre
Kosten
(inklusive Glocken, Orgel und Inventar): zirka 2 Mio. Franken
Einweihung
28. September 1974
Kirchenpatron
HI. Erzengel Michael
Glockenanlage
Stimmung: es f as b
Gewicht: 1210 kg 900 kg 620 kg 450 kg
Durchmesser: 129 cm 116 cm 102 cm 92 cm
Kirchenraum
670 m2
Sakristei
40 m2
Ministrantenraum
20 m2
Heizungsraum, Toiletten
30 m2
Tabernakelbild
„St. Michael“ , Werk von Hans Loretan, Brig, 1978
Orgel
rein mechanische Pfeifenorgel, 21 Register, erbaut von Hans J. Füglister, Grimisuat/Sion
Einweihung am 18. April 1982
Grösste Länge
35 m
Grösste Breite
19 m
Maximale Höhe
12 m
Sitzplätze
500
Kirchenpatron
HI. Erzengel Michael
Felsausbruch
6000 m3
Spritzbetonfläche
2000 m2
Fläche Felsabdichtung
1500 m2
Stahldrahtnetzarmierung
1600 m2
Schichten der Felsauskleidung
Ausgleichschicht in Spritzbeton Wasserdichte Isolation Schutzschicht in Spritzbeton Stahldrahtnetzarmierung Stützbeton (vier Schichten) in Spritzbeton Deckschicht in Spritzbeton
Felsanker
140 Stück
Roher Fels im Innenraum
aus technischen Gründen nicht realisierbar
Heizungs- und Lüftungssystem
Ventilation mit Abführungssystem des Kondenswassers
Beleuchtung
indirektes Flutlicht
Baukosten (inklusive Orgel)
zirka 2 Mio. Franken
Sondierstollen, Felsausbruch, Felsverkleidung und Abdichtung
Fr. 692’000.-
Kirchenvorbau und Ausbau, Innenraum
Fr. 654’000.-
Innenausstattung, Glocken, lose Möblierung, prov. Orgel
Fr. 189’000.-
Kirchenvorplatz, Umgebung, Landerwerb und Bauzinsen
Fr. 204’000.-
Erstellungskosten bei der Einweihung 1974
Fr. 1’739’000.-
Mechanische Pfeifenorgel Einweihung 1982
Fr. 207’000.-
Baukosten total
Fr. 1’946’000.-
Bauchronik
1964 Bau des Pfarrhauses;
1964-68 Ausarbeitung verschiedener Projekte, darunter das Projekt einer künstlich aus-gebrochenen Felskaverne;
1965 Positives geologisches Gutachten von Dr. R. U. Winterhalter, Zürich;
1968 Auswahl des Projektes von Donat Ruff, Architekt, Visp; Bereinigung bautechnischer Probleme mit folgenden beteiligten Firmen: Ingenieurbüro Schneller, Schmidhalter und Ritz, Brig; Ingenieurbüro Basler und Hoffmann, Zürich; Professor Hans Grob, Winterthur; Ingenieur Oswald Mühlebach, Losinger SA, Wiesendangen Sitten; Bauunternehmung Jules Theler, Raron; Laich SA, Locarno; Meynadier + Cie AG, Zürich;
Dez. 1970 Beginn der Arbeiten am Sondierstollen ( 2×3 m auf ein Länge von 35 m);
Mai 1971 Kavernenausbruch;
Sept. 1971 Fertigstellung des Rohausbruchs;
März 1972 Nachsprengungen, Felsenverkleidungs-und Dichtungsarbeiten;
Nov. 1972 Baumeisterarbeiten, Fertigstellung der Spritzbetonarbeiten in der Kaverne;
Mai 1973 Innenausbau des Kirchenraums und des Kirchenvorbaus, Fertigstellung der Felsenverkleidungsarbeiten beim Haupteingang;
März 1974 Inneneinrichtung und Umgebungsarbeiten;
1. Juni Erste Heilige Messe, Firmung und Glockenweihe;
28. Sept Einweihung der Felsenkirche;
1978 Taufstein, Glasfenster „St. Michael“ von Bildhauer Hans Loretan, Brig;
18. April 1982 Einweihung der mechanischen Pfeifenorgel mit 21 Registern von Hans J. Füglister, Grimisuat/Sion.
Text: vorhanden auf der Tafel bei der Felsenkirche, mehrsprachig / oder aus Schrift zur Felsenkirche von Hubert Theler 2001.








