Das Tscherggenhaus
Unweit dem »Rotigo-Blatt« und in nächster Nähe der St. Anna-Kapelle steht über dem Weg nach St. German ein einsames Haus, das unter seinem Giebel die Jahreszahl 1613 zeigt. Es ist zweistöckig und im ersten Stockwerk mit einer langen Reihe von Fenstern versehen, die den Ausblick in das liebliche Gelände von St. German bieten. Sein Erbauer nennt sich auf einem Stubenbalken »Vinzens an der Biegstatt«. Das Geschlecht mit dem Namen »an der Biegstatt« scheint jedoch viel früher in den Tscherggen gewohnt zu haben, denn bereits 1486 kommt ein Christof an den Tscherggen vor. Er war unter der Pfarrverwaltung des ehrw. Stephan Furrer, Procurator und Kirchenvogt zusammen mit Rudin Franzen. Demnach muß man mutmaßen: entweder gehörte dieser Christof nicht denen »an der Biegstatt« an, oder er muß an den Tscherggen ein Wohnhaus gehabt haben.
Vielleicht ist eine sogenannte Klebmauer angebracht worden; sonach wäre das Tscherggenhaus älter als das Datum (1613) unter dem Gipfel angibt.
Auf die »an der Biegstatt« scheint die Familie Imboden, die noch heutzutage in der Biegstatt wohnhaft ist, das Haus in den Tscherggen geerbt oder gekauft zu haben. Denn die Volkstradition meldet von zwei Brüdern Imboden, daß sie als die letzten ihres Geschlechtes, die in der Tscherggen wohnhaft waren, durch Unfall ihr Leben eingebüßt haben. Sie waren nämlich damit beschäftigt, einen Acker oder Weinberg in der Nähe eines großen Felsblockes oberhalb des Dorfes St. German zu bearbeiten. Dabei unter höhlten sie den Felsblock zu sehr; dieser bekam das Übergewicht und die beiden Brüder wurden erdrückt. Meines Erinnerns war das Tscherggenhaus im Besitze eines Josef Salzgeber, der es durch sein Weib erster Ehe, Kath. Theler (Bachteler genannt), geerbt und auch bewohnt hat. Leider knüpft sich an dieses Haus auch noch ein weiteres Unglück. Eine erwachsene Tochter des Obgenannten, Regina mit Namen, sollte in der Morgenfrühe eines Sommertages im Bietschtal die Suon für das Bewässern einer Wiese herrichten. Im Schlafwandel stund sie, noch während tiefe Dunkelheit herrschte, auf, nahm das Wässerbeil und stieg über die gefährliche Suon bis ins wilde Bietschtal. Am Morgen fand man Reginas Leiche zerschmettert im Abgrund.
Das Vogelhaus
Wenige Schritte vom Maxenhaus entfernt, ebenfalls unter der Hauptgasse des Dorfes, steht das sog. Vogelhaus. Es trägt diese Benennung weil damals, als ich Kaplan von St. German war, zuletzt eine nach Amerika ausgewanderte Familie dieses Namens darin gewohnt hatte. Seit vielen Jahren stand es leer und galt als »spukhaft«, übrigens mag dieses Haus ebenso alt wenn nicht noch älter als das Maxenhaus sein; seine zwei Türen aus Tuffstein (in zerbröckelndem Zustand) lassen dies vermuten. Wer mag dasselbe erbaut haben? Die meisten Familien, die vor 2—3 Jahrhunderten St. German bewohnt haben, sind ausgestorben oder abgewandert wie die Jungen, Pfaffen, Mathieu, Boner, Elsen, Zender, Heinen, Krapfo, Maxen, Theler im Bach, Binder, Vogel, etc. und nur mehr die Leigginer und Eberhardt sind angestammte St. Germaner. Von einem Mann aus der Familie Vogel, der zur Zeit des Pfynkrieges lebte, erzählt man, daß er, als alle vor den Franzosen flohen, selbst nicht fliehen wollte. »Der erste Franzose«, soll er gesagt haben, der mein Haus betreten wird, muß sein Leben lassen«. Und der Mann hielt Wort. Mit der Axt bewaffnet stellte sich Vogel hinter die (westliche) Haustüre. Als ein Franzmann — es war ein Offizier — auf Beute spähend eintrat, traf ihn der tödliche Axthieb. Schnell schleppte Vogel die Leiche in den nahen Stall und warf Mist darauf. In der darauffolgenden Nacht trug er den Erschlagenen in seinen Weinberg und begrub ihn dort, indem er mit einer großen Steinplatte die Stelle bezeichnete. Vor seinem Lebensende soll Vogel seine Tat und die Stelle, wo er den Franzosen begraben, bekannt gegeben haben. In der Tat wurden viele Jahre später, als man beim Rebwerk auf diese Steinplatte stieß, Metallknöpfe einer Offiziersuniform unter derselben gefunden.
P. S. In das Haus bin ich niemals eingetreten, deshalb kenne ich das Innere nicht.








